Charakterköpfe und Hundlinge

Von Nue Ammann, 19. Februar 2019

Bildschirmfoto 2019-02-20 um 20.46.36.png

„Saunamänner“, ein fideles Männerquartett jenseits eines Chippendale-Ideals. Dieses und viele andere Werke von Angelika Littwin-Pieper sind noch bis Mitte März in der Galerie Stenzel auf Schloss Seefeld zu sehen.

Angelika Littwin-Pieper verstreut eine Prise Lebenswürze in der Galerie Stenzel in Seefeld

Elegant und weltläufig, oder kauzig, eigenbrötlerisch und voll menschlicher Skurrilität, immer aber haarscharf beobachtet wirken die Groß- und Kleinplastiken der Feldafinger Künstlerin Angelika Littwin-Pieper, deren Arbeiten derzeit in der Galerie Stenzel auf Schloss Seefeld präsentiert werden.

Bekannt ist Angelika Littwin-Pieper in der Region auch durch ihre Rauminstallation mit mehreren lebensgroßen Figuren, das „Café Littwin“, das seit dem Jahr 2002 dauerhaft im Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See zu sehen ist und dessen Kaffeehausbesucher die genaue Beobachterin und Menschenkennerin in ihrer Schöpferin aufzeigen. Selbiges gilt auch für die seit rund 15 Jahren entstehenden künstlerischen Plastiken, die nunmehr den Kernpunkt ihres Schaffens darstellen.

Schon durchs Fenster der Galerie auf Schloss Seefeld wird der Besucher von einem fidelen Männerquartett aus Keramik begrüßt. Doch wird keine Band porträtiert, sondern alle vier sind nackt bis auf dicke Socken und legere getragene Bademäntel, schließlich sind sie, laut Titel der Arbeit, „Saunamänner“. Bemerkenswert dabei ist, dass sich Angelika Littwin-Pieper nicht um ein Schönheitsideal à la Chippendale oder klassischer, in Stein gemeißelter Manier schert, sondern vier äußerst betagte Herren, die trotz Falten, Hängebäuchen und Glatzen lebensdurstig in die Welt blicken, in den Fokus rückt.

Selbiges ist in femininer Variante dann auch in der Galerie zu finden: „Die roten Damen mit Hund“ kann man ohne zu lächeln wohl kaum ansehen. Geschminkt und fein frisiert, mit schicken Hütchen, roten Pumps und Handtäschchen lächeln sie, vom Alter und guten Leben gezeichnet, dem Betrachter entgegen. Und keine ist wie die andere, Haltung und Mimik erzählen ganze Romane, während ihre braven Begleithündchen jeden Moment lebendig zu werden scheinen, um schwanzwedelnd ein Leckerchen zu erbetteln.

Angelika Littwin-Piepers Humor ist ansteckend, denn er menschelt und zeigt ohne falsche Scham, wie wir als Menschen eben sind: der eine ein fieses Checker-Schwein, der andere ein pensionierter Minotaurus mit einem abgestoßenem Horn, ein nacktes Engelein, das den Popo nach dem Betrachter reckt und ihm einen koketten Blick zuwirft und dazwischen wohlanständige Personen mit moralinsaurer Miene. In Keramik oder als serielle Arbeiten in Bronze gegossen stellen diese satirischen Stücke eine Hälfte ihres Werkes dar.

Ganz ohne die ironisch Note kommen dagegen ihre Großplastiken aus, die Angelika Littwin-Pieper mit viel Gefühl und Aufmerksamkeit entwickelt. Ausgangsmaterialien sind hier Schwemmhölzer, die sie auf ihren Reisen, vornehmlich nach Sardinien und Sizilien sammelt, um dann im Atelier darin eine Person zu entdecken, die sie durch additives Arbeiten mit Ton gleichsam real werden lässt. So steht man dann überrascht von der detailreichen und sensiblen Ausführung beispielsweise vor zwei Vertretern der Familie Medici, der Göttin Minerva, blickt einer Schnee-Eule ins Auge, oder fühlt sich von einer maskierten Schönheit selbst fest in den Blick genommen.

Die Brüchigkeit des Holzes führt die Künstlerin in den Ton hinein und lässt beide Werkmittel übergangslos miteinander verschmelzen. Auf diese Weise wird jede Figur zu einem Charakter, der so einmalig ist, wie das Ausgangsmaterial war. Lothar Buchheim nannte sie einen weiblichen Georg Grosz, doch ist ihr Ansatz, trotz aller bissiger Ironie nicht bloßstellend oder gesellschaftskritisch, sondern voller Amüsement und von einem Verständnis für die Unzulänglichkeiten der Menschen geprägt.

Die Ausstellung in der Galerie Stenzel auf Schloss Seefeld ist noch bis Sonntag, 17. März, jeweils Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr zu besichtigen.